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  • Martina Regel

2023 Jahreslosung

Du bist ein Gott, der mich sieht. Gen 16,13 (L)

Ein Satz wie ein Seufzer. Oder wie ein Jubelschrei. Und wie ein Bekenntnis.

Hagar, die diese Worte seufzt, jubelt, bekennt, ist die erste Frau der Bibel, die von Gott eine Verheißung für ihr Leben erhält und eine rettende Gottesbegegnung erlebt. Hagar erlebt dies an einem besonderen Ort: In der Wüste. Vor einem schlimmen Familienkonflikt, in dem sie gedemütigt wurde, ist sie an diesen Ort geflohen. Alle Leere, Verzweiflung, Entmutigung und Erschöpfung passen an diesen kargen und einsamen Ort. An diesem Ort, an dem eigentlich nur Trostlosigkeit oder gar der Tod zu erwarten ist, begegnet sie – tief in ihrem Inneren – Gottes Ermutigung und Schutz. Wo alles trocken ist, sprudelt auf einmal Wasser. Hagar erhält in der Wüste ihres Lebens ihren Mut und ihre Energie zurück. Sie wird sich ihrer eigenen Würde und ihres Wertes wieder bewusst und kann so eine neue Perspektive für ihr Leben entwickeln. Durch die Begegnung mit Gott, tief in ihrem Inneren, hat sie ihre lebensspendende Quelle wiederentdeckt. Und sie ruft aus: „Du bist El Roï, Gottheit des Hinschauens.“

An Hagars Situation ändert sich dadurch objektiv nichts. Sie ist immer noch eine schwangere Sklavin. Aber weil sie sich der Liebe Gottes bewusst wird, ändert sich ihr Verhältnis zu ihrer Welt und ihren Beziehungen. Sie erfährt sich selbst als freies und geliebtes Geschöpf Gottes und geht ihren Weg in der Gewissheit, als schwangere, gedemütigte Sklavin in Gottes Augen anerkannt, wertgeschätzt und geliebt zu sein.


Eine Frau, die in den Augen der Welt nichts ist, erfährt von Gott ihre Würde.

Es gibt sie heute nicht weniger, diese Menschen, die niemand sieht. Die Arbeiter auf den Baustellen in Katar, die die WM-Stadien für der Deutschen liebstes Spiel errichtet haben. Die unterbezahlten Küchenhilfen, die im fensterlosen Schiffsbauch das Geschirr der Kreuzfahrtgäste spülen. Der Obdachlose im U-Bahn-Schacht, der unter dem Radar unserer Aufmerksamkeit bleibt. Die Frauen, die in den Hinterhöfen dieses Landes zur Prostitution gezwungen werden.

Gut, wenn sie von Gott gesehen werden. Skandalös und zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit, wenn sie von uns nicht gesehen werden. Jeder Mensch verdient, gesehen zu werden. Respektiert zu werden. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – das ist der säkulare Satz im Grundgesetz für alle Hagars unserer Zeiten.





„Du bist ein Gott, der mich sieht“. Dieser Satz steht als Überschrift über dem Jahr 2023. Verteilungskämpfe und sich verschärfende gesellschaftliche Konflikte werden erwartet. Solidarität und Mitmenschlichkeit sind gefragt. Wegschauen geht nicht. Gottes liebevoller Blick auf Hagar ist eine gute „Sehhilfe“ für unseren Weg durch dieses Jahr.


Martin Treichel


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